Das Drama mit der Dramaturgie

Gregor W. aus Recklinghausen schreibt:
Liebe Münchner Schreibakademie, ich schreibe gerade meinen ersten Roman im Genre Krimi, habe dazu viele Schreibratgeber gelesen und versuche nun, alles, was ich da gelesen habe umzusetzen. Leider muss ich feststellen, das funktioniert nicht so richtig. Vor allem wenn es um die Dramaturgie geht, weiß ich oft nicht weiter. Mir schwirrt schon der Kopf vor lauter Plotpoints, Midpoints, Pinch Points, Klimax und was es so alles gibt. Ich schaffe es einfach nicht, meine Geschichte danach auszurichten. Habt Ihr einen Tipp?

Vielen Dank für Ihre Frage, die viele – nicht nur angehende – Autorinnen und Autoren beschäftigt. Vor allem beim Schreiben von Genre-Literatur, wo der Schwerpunkt mehr auf der Handlung liegt, haben Dramaturgiemodelle Konjunktur. Diese haben ihre Ursprünge häufig in der Filmdramaturgie und werden gerne genutzt, da sie, wie viele Bücher beweisen, auch oft bei Romanen funktionieren. Wir glauben, dass Dramaturgiemodelle gerade für AnfängerInnen ein wichtiges Hilfsmittel sind, um sich im Dschungel des Geschichtenerzählens zurecht zu finden. Oft verliert man den Überblick: Wie müsste mein Held jetzt reagieren? Wann bringe ich eine überraschende Wendung? Darf so weit am Ende noch eine neue Figur auftauchen?

Hat man bei der Planung einen Blick auf die Dramaturgie geworfen, wird man bei der Ausführung – beim Schreiben – der Geschichte sicherer. Dafür ist diese gut. Aber man sollte sich natürlich nicht sklavisch an die Vorgaben halten – es lebe die Planung, die später über den Haufen geworfen werden kann. Ganz ehrlich: Das Ersinnen eines Plots ist so komplex, dass es für die allermeisten AutorInnen nicht möglich ist, schon am Anfang alles bis ins kleinste Detail vorauszuahnen. Welche Möglichkeiten oder Hindernisse eine Plotidee bei der Ausführung dann bietet, merkt man oft erst, wenn man die entsprechende Szene schreibt. Von daher raten wir Ihnen, sich nicht sklavisch an ein Modell zu halten, sondern es  als Ausgangspunkt zu nehmen. Vielleicht hilft es Ihnen, nur die fünf wichtigsten „Meilensteine“ in einer Geschichte zu kennen:

1. Das auslösende Ereignis am Anfang, das die Haupthandlung in Gang setzt,

2. der erste Plotpoint, der den Punkt bezeichnet, ab dem der Held nicht mehr umkehren kann,

3. der Midpoint, bei dem der Held alles bisher Erlebte aus einer neuen Perspektive bewertet,

4. der zweite Plotpoint, der wiederum alles umkehrt und

5. das Ende.

Sinnvoll sind diese Meilensteine vor allem, um zu wissen, wann wir was erzählen. Gibt es gleich am Anfang die dramatischste Szene von allen und keine Steigerung ist mehr möglich – dann wird der Rest des Romans mit Sicherheit langweilig ausfallen. Lassen wir den Mörder erst auf der vorletzten Seite auftauchen, wird der Leser sehr irritiert sein. Die Dramaturgie hilft uns, alle Elemente in ein sinnvolles Verhältnis zueinander zu setzen. Aber sie sollte nicht so starr angewendet werden, dass es unseren kreativen Schreibfluss behindert – solange dieser fließt, ist alles gut!

Wer tiefer in die Materie eindringen will, dem sei empfohlen: Larry Brooks: Story Engineering, Ohio, 2011
oder vom Kollegen Stephan Waldscheidt: Plot & Struktur, 2016

Wer beim Planen oder Schreiben nicht weiterkommt, darf uns gerne kontaktieren – wir werden Ihre Probleme stellvertretend vorstellen und knackige Sofort-Hilfe-Tipps geben (wenn möglich mit Buchempfehlungen zum Vertiefen des Themas). Fragen bitte schicken an: schreib@münchner-schreibakademie.de

 

Dialoge – bitte nicht zu „lebensecht“

Tatjana P. aus Hof schreibt uns:
Hallo Münchner Schreibakademie, ich schreibe schon seit längerem an einem Kurzkrimi, den ich nun auch zwei Testleserinnen gegeben habe. Die fanden meine Dialog langweilig, dabei tue ich alles, damit sie so lebensecht wie möglich klingen. Ich gebe mir große Mühe meine Figuren wie reale Menschen sprechen zu lassen. Wie kann denn das langweilig sein?

Vielen Dank für Ihre Frage. Ohne Ihren Text zu kennen, ist es natürlich schwer, etwas zu Ihren Dialogen zu sagen. Doch wir erleben immer wieder in unseren Seminaren, dass gerade beim Dialog zwei Dinge miteinander verwechselt werden:
Das eine ist die Geschichte, die Fiktion, von der wir möchten, dass die LeserInnen sie für real halten, das andere ist die wirkliche Realität.
Oft muss man im Fiktionalen das Reale zugunsten der Spannung und der Glaubwürdigkeit beschneiden, um plausibel zu klingen. Das gilt ganz besonders für den Dialog.

Wenn wir echten Menschen aufmerksam zuhören, wimmelt es nur so von Redundanzen und Banalitäten, man fällt einander ständig ins Wort und wiederholt sich endlos, ohne es zu merken. Das klingt dann etwa so:

„Guten Morgen, Gerd.“
„Guten Morgen, Gaby.“
„Mei ist dein Beppo heut wieder brav. Mei, ist der liab. Du, hast du gsehn, wie der Karli, der wo letzthin mit seim Hund, du weißt schon, da an der Mauer von dem Huber sein Dings …“
„Ja, der Beppo ist ja immer so brav, gell, ja bist du brav, so ein ganz ein Braver. Ach, du meinst den Karli, gell, ja mei, der ist ja auch wirklich, Gott, wenn ich nur schon an den denk …“

Wenn man diese Unterhaltung (genauso gerade vor dem Fenster der Akademie zwischen zwei Hundebesitzern geführt) dann über Seiten hinweg lesen muss, wirkt das höchst ermüdend. Deshalb muss man das tun, was allen Texten gut tut. Man muss kürzen. Der Dialog sollte so knapp wie möglich sein und frei von banalen Wiederholungen, Begrüßungs- oder Verabschiedungsformeln. Außerdem muss die Sprache Ihrer Figuren auch zu ihnen passen, aber das wäre dann schon wieder ein anderes Feld.
Falls Sie das Thema Dialoge vertiefen möchten, empfehlen wir Ihnen das Buch: „Schau mir in die Augen, Kleines. Die Kunst der Dialoggestaltung“ von Oliver Schütte, UVK Verlagsgesellschaft, 2010. Das richtet sich zwar eigentlich an Drehbuchautoren, ist aber klar und stringent geschrieben und überzeugt mit guten Beispielen!

Wer beim Planen oder Schreiben nicht weiterkommt, darf uns gerne kontaktieren – wir werden Ihre Probleme stellvertretend vorstellen und knackige Sofort-Hilfe-Tipps geben (wenn möglich mit Buchempfehlungen zum Vertiefen des Themas). Fragen bitte schicken an: schreib@münchner-schreibakademie.de

Weg mit der Trendschielerei!

Andrea F. aus Füssen schreibt uns:
Liebe Münchner Schreibakademie, ich arbeite seit zwei Jahren an einer Dystopie für Erwachsene und bin schon ziemlich weit. In einer Schreibgruppe bei Facebook habe ich jetzt gehört, Dystopien wären gerade total out und man sollte besser auf andere Trends setzen, denn nur so hätte man bei Verlagen überhaupt eine Chance. Ist das wahr? Kann ich also meine Dystopie gleich in die Tonne treten?

Vielen Dank für Ihre Frage, die ein Thema aufgreift, das viele Schreibanfänger umtreibt. Zunächst einmal sind Schreibgruppen im Internet eine sehr gute Idee, um sich Unterstützung zu holen. Die kann man ja wirklich brauchen, wenn man so lange an einem Herzensprojekt arbeitet.
Leider kommen dort jedoch manchmal  Theorien auf, die so einfach nicht zu halten sind!

Man kann ganz klar sagen: auf Trends hin zu schreiben ist  keine gute Idee! Denn erstens ist der Trend zu dem Zeitpunkt, an dem Sie Ihren Roman fertig haben werden, womöglich nur noch Schnee von gestern. Zweitens – und dieser Punkt ist sehr viel wichtiger – geht mit der Trendschielerei genau das verloren, was Ihren Roman einzigartig machen wird! Denn es ist Ihre Sicht auf die Welt, Ihre Persönlichkeit, Ihre Sprache, Ihre Figuren, Ihr Plot. Sie schreiben Ihre Geschichte, weil sie Sie bewegt, umtreibt – weil sie aus Ihrem inneren Bedürfnis kommt, genau diese Geschichte zu schreiben. Einem Trend hinterherzuhecheln, widerspricht dem völlig. Wenn Sie diesem nur folgen, weil Sie damit Erfolg wittern, wird Ihre Geschichte wie von außen aufgepfropft wirken und die Herzen Ihrer LeserInnen nicht erreichen.
Es mag sein, dass ein Trend – wie zum Beispiel aktuell  heiter-besinnliche Inselromane – Ihrer inneren Schreibmotivation entspricht oder Sie für dieses Genre frisch Feuer fangen können, aber ein Trend allein macht noch keinen einzigartigen Roman.

Eine heiter besinnliche Inseldystopie allerdings, also wenn man darüber mal so nachdenkt, na die könnte vielleicht wirklich … aber dann sind Sie keinem Trend gefolgt, sondern selbst Trendsetter geworden. :-)

Wer beim Planen oder Schreiben nicht weiterkommt, darf uns gerne kontaktieren – wir werden Ihre Probleme stellvertretend vorstellen und knackige Sofort-Hilfe-Tipps geben (wenn möglich mit Buchempfehlungen zum Vertiefen des Themas). Fragen bitte schicken an: schreib@münchner-schreibakademie.de

 

Wer braucht schon eine Schreibakademie?

Thomas B. aus Baldham schreibt uns:
Liebe Münchner Schreibakademie, ich habe neulich Ihre Coachingsprechstunde auf Facebook entdeckt, in einer Autorengruppe. Das hat mich geärgert, denn ich glaube nicht an Schreibtipps von Akademien. Vielmehr denke ich, dass Schreibakademien den Leuten nur das Geld aus der Tasche ziehen. Wer schreiben will, braucht nichts von all diesem Kram, wenn man kein Talent und kein Gespür für Geschichten hat, sollte man es besser bleiben lassen!

Vielen Dank für Ihre Frage, die wir gut nachvollziehen können. Leider gibt es auf diesem Gebiet sehr viele selbsternannte Schreibgurus und unseriöse Angebote, die einem den einzig wahren Weg zum garantierten Superbestseller versprechen oder die ultimative Art, einen Roman zu schreiben, anbieten, etc., etc..

Natürlich hat niemand – auch keine Akademie der Welt – wirklich den Weg zum Bestseller anzubieten oder gar den zu Literaturpreisen – aber das hat auch kein Verlag. Was man allerdings durchaus lernen kann, ist das Handwerk des Schreibens: Wie baut man eine Szene auf? Was ist eine dreidimensionale Figur? Wo kommt der Höhepunkt hin? Wie funktioniert Konflikt?

Ob man dabei dann sklavisch seine Wendepunkte bestimmt ( und wehe, der erste kommt nicht nach 25 % des Textes!) sich mit der Prämisse beschäftigt (ohne die ist ja sowieso alles nix!), prinzipiell nur der Heldenreise folgt (alles andere ist nämlich echt krass oberflächlich!) – ist dann völlig egal, wichtig ist nur, sich damit zu befassen.

Man kann Plotten für ein satanisches Ritual von geistig Minderbemittelten halten und dafür lieber die Figuren-Archetypen herunterbeten. Man kann den Midpoint zum heiligen Gral erheben oder ihn als lächerliche Idee von Fernsehproduzenten abtun. Ob und wie man diese Techniken anwendet, ist ein zweiter Schritt. Zuerst gilt es, handwerkliche Fähigkeiten auszubilden und dazu gehört zum Beispiel der korrekte Gebrauch von Rechtschreibung und Grammatik, natürlich klingende Dialoge zu formulieren oder die Verwendung von Bildern, Vergleichen und Metaphern, die man gut beherrschen sollte, wenn man für eine Öffentlichkeit schreiben möchte.

Darauf aufbauend sollte man sich mit Dramaturgie befassen – viele machen das aus dem Bauch heraus richtig. Aber ganz oft kommt man mit dem Roman nicht weiter und bei näherem Hinsehen liegt der Hund dann eben doch in der dramaturgischen Sickergrube begraben. Erst wenn man all diese Techniken beherrscht, kann man sie sinnvoll und für sich selbst passend nutzen, neue Formen entwickeln und mit Erwartungen spielen.

Unser Credo ist immer: Solange du in deinem Text gut vorankommst, vergiss die Schreibtipps. Aber wenn du ins Stocken gerätst, nicht weiter weißt oder gar alles hinschmeißen willst – dann ist es gut, Handwerkszeug parat zu haben, mit dem man weiterarbeiten kann. Und wir schwören: Wir kennen keine/n AutorIn, die oder der ein Buch in einem Rutsch einfach so durchschreibt.

Nicht jeder braucht zur Vermittlung dieser Techniken Seminare an einer Schreibakademie. Manchen genügt die Lektüre von Büchern – von Schreibratgebern, die wir hier auch reichlich empfehlen, oder einfach von Belletristik, die man selbst analysiert, um auf die Geheimnisse des guten Erzählens zu stoßen. Arbeit muss man sich allemal machen, wenn man eine Geschichte so erzählen will, dass die LeserInnen begierig umblättern.
Allerdings ist es gerade für Anfänger schwer, den Transfer vom Schreibratgeber zum eigenen Stoff zu machen und genau darin unterstützen wir unsere TeilnehmerInnen. Bei uns kann nachgehakt werden, wir können andere Beispiele bringen und durch gezieltes Nachfragen, Aha-Erlebnisse befördern. Viele empfinden auch den Austausch im Real life mit anderen AutorInnen als hilfreich. Denn der Input von Außen kann einen zu Ideen führen, die man selbst nie hätte.  Aber schreiben muss man es dann schon selbst. Ganz allein.

Wer beim Planen oder Schreiben nicht weiterkommt, darf uns gerne kontaktieren – wir werden Ihre Probleme stellvertretend vorstellen und knackige Sofort-Hilfe-Tipps geben (wenn möglich mit Buchempfehlungen zum Vertiefen des Themas). Fragen bitte schicken an: schreib@münchner-schreibakademie.de

 

 

Weiter hinten passiert dann mehr …

Charlotte K. aus Frankfurt schreibt uns:
Liebe Münchner Schreibakademie, mehrere Agenturen haben meinen Roman abgelehnt, eine hat auf mein Nachfragen hin mitgeteilt, dass mein Anfang nicht spannend wäre und deshalb hätte man auch nicht weitergelesen! Das hat mich wirklich schockiert, ich finde, man kann doch vom Leser erwarten, dass er sich auf meine Story einlässt, dieser Roman ist doch viel mehr als nur der Anfang. Es soll sich ja auch alles noch steigern. Da muss ich doch nicht alles Pulver schon vorne verschießen oder liege ich da total falsch?

Vielen Dank für Ihre Frage. Leider leben wir im 21. Jahrhundert, es gibt sehr viele Möglichkeiten sich zu unterhalte und niemand hat viel Zeit übrig. Und nicht nur deshalb ist es mehr als sinnvoll den Anfang so spannend wie möglich zu gestalten. Um einen großartigen Autor zu zitieren:

weiterlesen

Geht Landschaft auch spannend?

Friedhelm Z. aus Grafing schreibt uns:

Liebe Münchner Schreibakademie, ich liebe es zu schreiben, vor allem Dialoge und Actionszenen, in denen viel passiert. Kein Wunder, ich arbeite an einem Thriller! Meine Testleser monierten aber, sie wüssten nicht, wie die Orte aussehen, an denen die Geschichte spielt. Ich hasse Landschaftsbeschreibungen, sollte ich vielleicht lieber auf Drehbuch umsatteln, schließlich fängt da die Kamera alles ein und ich muss es nicht ewig beschreiben?

Vielen Dank für diese interessante Frage. Um es vorwegzunehmen, ob Sie im Drehbuch besser aufgehoben sind, können wir zwar nicht beantworten, aber was die Landschaft angeht, da hätten wir ein paar Anregungen. Natürlich liest in einem Thriller kein Mensch ausufernde Landschaftsbeschreibungen, Sonnenauf- und untergänge, oder?

Äh – nein! Das stimmt so nicht.

Vielmehr ist es wichtig, dass das Setting, die Umgebung, in der die Geschichte stattfindet, tatsächlich eine Rolle spielt – auch im Thriller! Und zwar im Bezug zur erzählten Story. Wichtig ist dabei vor allem, dass die Umgebung aus Sicht der handelnden Figuren beschrieben wird. Damit wird die vermeintlich neutrale Umgebung zu einer wichtigen Facette, die mir nicht nur etwas über den Handlungsort erzählt, sondern auch über die Figur selbst und ihre Beziehung zu diesem Ort.

Eine ganz einfache Übung: Schildern Sie in verschiedenen Varianten, wie die Protagonistin über eine Brücke geht. Mal hat sie gerade erfahren, dass ihr Mann ermordet wurde, mal hat sie im Lotto gewonnen, mal ist die Brücke der Treffpunkt, an dem sie ihr entführtes Kind zurückbekommen soll, mal der Platz, an dem sie ihre große Liebe zum letzten Mal gesehen hat, bevor sie sich gegen diese Liebe und für die Rückkehr zu ihrer Familie entschieden hat. Es ist stets die gleiche Brücke, aber sie wird immer anders gesehen und genau darin liegt die Kunst der Landschaftsbeschreibung. Irgendwelche Berge haben nichts in Ihrem Thriller verloren, aber Berge, die in Bezug zum Helden, der Flucht, der Aufgabe, des Scheiterns stehen, sehr wohl. Wenn Sie sich die Mühe machen, diese Berge dann entsprechend zu skizzieren, werden Ihre Leser Ihnen gerne folgen – und Ihre Geschichte wird noch plastischer und nachvollziehbarer.

Zum intensiverem Studium empfehlen wir:
Mary Buckham: A Writer’s Guide to Active Setting: How to Enhance Your Fiction with More Descriptive, Dynamic Settings , Writers Digest, North Light, 2016

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Hilfe! Ich brauche einen Masterplan!

Julia K. aus Salzburg schreibt uns:

Liebe Münchner Schreibakademie, wahrscheinlich ist das eine ganz blöde Frage: Ich weiß genau wie der Anfang und das Ende meines Romans gestrickt sind, aber ich habe keine Ahnung, wie ich das Dazwischen meistern soll. Gibt es so etwas wie den genialen Masterplan?

Vielen Dank für Ihre Frage, die uns ein von Herzen kommendes „Leider nicht!“ entlockt hat. Nach unseren Erfahrungen als Romanautoren und als Seminarleiterinnen haben wir festgestellt, dass für jede AutorIn etwas anderes DER Masterplan zum eigenen Roman ist.

Man unterscheidet ganz grob Plotter und Pantser. Plotter, das sind die Autorinnen, die ihren Plot outlinen, also: durchplanen und dann erst losschreiben – wie z.B. Suzanne Collins bei „Die Tribute von Panem“. Die anderen bleiben geduldig auf ihren Pants, also den Hosen, sitzen wie Stephen King. Sie schreiben sich einmal durch die Geschichte, die dann erst in einem ausführlichen Überarbeitungsprozess ihre endgültige Form bekommt. Dann gibt es noch Bojenschreiber: Sie schreiben erst alle Szenen, die ihnen am Herzen liegen, das sind dann die Bojen, und danach verbinden sie dann die Geschichte mit all den Szenen, die noch fehlen.

Aber ganz generell kann man sagen, dass es für Anfänger sinnvoll ist, zu planen, das heißt, sich mit Plot und Dramaturgie zu befassen, also mit den Meilensteinen, die einen Plot voranbringen. Die wichtigsten sind: Das auslösende Ereignis, der erste und zweite Wendepunkt, der Midpoint und am Ende die Climax.
Und selbst wenn sich diese Meilensteine beim Schreiben verändern, ist es trotzdem sehr hilfreich, vorher darüber nachzudenken. Oft ist man verblüfft, wo einen das hinführt und welche weiteren Ideen sich dadurch ergeben! Versuchen Sie also am besten verschiedene Methoden aus – googeln Sie doch mal nach der „Schneeflockenmethode“ oder der „Schreib-Matrix“ – und entscheiden Sie sich für die, mit der Sie am weitesten kommen – vielleicht ist es auch eine vollkommen neue und andere Chaosmethode, die nur zu Ihnen passt! Wir würden uns freuen, wenn Sie uns berichten, was Ihnen wirklich geholfen hat. Vielen Dank!

Heute haben wir gleich mehrere Buchtipps:

Sehr lesenswert für Pantser – aber auch für jeden anderen Autor, denn das Buch unterscheidet sich erfrischend von vielen anderen, immer gleichen Ratgebern: Story Trumps Structure von Steven James, Ohio 2014
Für Plotter gibt es viele Bücher, aktuell und aufs wesentliche reduziert: Take off your pants von Libbie Hawker, San Juan County, 2015
Und für begeisterte Strukturalisten empfehlen wir: Story Engineering von Larry Brooks, Cincinnati, 2011

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Alles eine Frage der Perspektive …

Lukas F. aus Füssen schreibt uns:
Liebe Münchner Schreibakademie, ich habe meinen Fantasyroman jetzt komplett durchgeplottet, alles recherchiert, und meine Figuren stehen auch. Aber ich frage mich, in welcher Perspektive ich schreiben soll. Haben Sie einen Tipp für mich?

Vielen Dank für Ihre Frage. Es ist auch für uns nicht immer einfach, sich für eine Perspektive zu entscheiden. Ohne Ihren Stoff genauer zu kennen, können wir natürlich keine Empfehlungen aussprechen, aber vielleicht kann das Folgende ja dabei helfen, Ihre Entscheidung leichter zu machen.
Die Wahl der Perspektive hat deutlichen Einfluss auf die Dramaturgie der Geschichte, auf die „Stimme“ Ihres Textes und sie bestimmt die Möglichkeiten der Informationsvermittlung.
Der Ich-Erzähler ermöglicht die größte Nähe zwischen Figur und Leserin und kann viel Empathie erzeugen. Doch aus dieser Perspektive können Sie nur die Dinge erzählen, die dem Ich-Erzähler auch bekannt sind – das heißt, Sie schildern die Geschehnisse nur aus der Sicht einer Figur und können nicht beschreiben, was im Inneren einer anderen Figur vor sich geht, solange diese sich nicht in einem Dialog o.ä. dazu äußert.
Bedenken Sie auch: Ein Ich-Erzähler kann nur schwer Geheimnisse vor dem Leser verbergen! Wenn er z.B. einen Mord begangen hat und dies verheimlicht werden soll, in dem er einfach nicht daran denkt, ist das unrealistisch. Als bekäme man gesagt, man solle jetzt nicht an ein rotes Klavier denken. Geht nicht, oder?
Wenn Sie plötzlich (und womöglich nur einmalig) in die Innensicht einer anderen Figur wechseln, wird der Leser darüber stolpern und unschön aus der Illusion der Erzählwelt herausgerissen. Er spürt dann den Erzähler und wird daran erinnert, dass alles „nur“ ausgedacht ist. Und das will weder der Autor noch der Leser!

Wählen Sie hingegen einen allwissenden, den sogenannten auktorialen Erzähler, erlaubt Ihnen das wechselweise aus der Sicht jeder Figur zu erzählen. Sie schweben „gottgleich“über allen Figuren, berichten von Ereignissen, die in der Zukunft oder Vergangenheit liegen, geben Zusammenhänge zwischen den Figuren und jedwede Ihnen relevant erscheinende Information preis. Doch der auktoriale Erzähler schafft eine Distanz zwischen Figuren und Leserin, die zu dem erzählten Stoff passen muss. Oft wählt man diese Form etwa bei Familiensagas mit einem weiten zeitlichen Handlungsbogen und viel Personal. Doch aufgepasst: Sie sollten nicht zum großen „Erzählerguru“ werden, der die Figuren zu bloßen Marionetten degradiert.

In vielen Romanen gibt es heutzutage die multipersonale Perspektive. Man switcht also von einer Person – er/sie/es – in die nächste, entweder kapitelweise, von Szene zu Szene oder sogar innerhalb einer Szene. Letzteres muss jedoch handwerklich sehr geschickt gemacht werden, damit es den Leser nicht verwirrt. Er sollte nicht den Eindruck haben, man wechselt nur, um bequem eine Information vermitteln zu können.
Beim personalen Erzählen ist man recht nah an den Figuren, kann auch in die Köpfe der Protagonisten schauen, ohne wie bei der Ich-Perspektive zu beschränkt zu sein. Es ist aber auch möglich, die Ich-Perspektive der Hauptfigur mit anderen zu vermengen. Es könnte in Ihrem Roman also ein Feuerdrache aus der Ich-Perspektive erzählen, der Zombie aus einer personalen Er-Perspektive.

Um herauszufinden, welche Perspektive Ihnen am meisten liegt und welche am besten zu Ihrer Geschichte passt, gibt es nur einen Weg – Sie müssen es ausprobieren! Schreiben Sie das erste Kapitel oder die erste Szene aus den verschiedenen Perspektiven und entscheiden Sie dann, was sich richtig anfühlt. Und selbst wenn Sie erst später im Schreiben merken, dass die gewählte Perspektive falsch ist – ändern Sie sie!
Entscheiden Sie sich auf keinen Fall nur aus Bequemlichkeit für den leichtesten Weg – finden Sie vielmehr den, der zu Ihrem Stoff passt!

In vielen Ratgebern wird die Erzählperspektive angesprochen, aber besonders erhellend fanden wir das Kapitel bei James Woods: Die Kunst des Erzählens, rororo, 2013

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Spannung im Liebesroman? Warum das denn?

Eva H. aus Augsburg schreibt uns:
Liebe Münchner Schreibakademie, ständig sagt meine Schreibgruppe, dass der Liebesroman, an dem ich arbeite, irgendwie langweilig ist. Sie finden, es fehlt an Spannung, aber ich schreibe doch keinen Actionthriller!! Was kann ich da tun?

Vielen Dank für Ihre Frage. Ohne Ihren Roman zu kennen, ist es natürlich schwierig, etwas Konkretes dazu zu sagen. Vielleicht liegt hier aber auch nur ein Missverständnis vor. Spannung bedeutet nicht, dass sich die Heldin wie Tarzan von Ast zu Ast schwingt und bösartige Gangster mit Maschinengewehren jagt. Spannung sorgt dafür, dass die Leserin das Buch nicht mehr aus der Hand legen kann – egal in welchem Genre. Daher sollte Spannung in jeder Szene enthalten sein. Auch in vermeintlich „harmlosen“ Flirt oder Kussszenen.
Vereinfacht gesagt, entsteht Spannung dadurch, dass Figur A das Gegenteil oder etwas anderes will als Figur B. Es muss also ein Konflikt vorkommen, nein das ist missverständlich, der gesamte Roman lebt von Konflikten. Das bedeutet nicht, dass alle Figuren in ständigem Kampf miteinander liegen. Konflikte können auch ganz zart unter der Oberfläche brodeln. Ihre Heldin geht z.B. mit dem Helden essen, er träumt von weißen Tischdecken und Haute Cuisine, sie von einer Bratwurstsemmel. Da keiner offen darüber redet, wird der Abend für mindestens einen nicht so, wie er oder sie es sich gewünscht hat. Man kann auch sagen, für einen der beiden geht gerade etwas schief. Und genau so entsteht Spannung. Denn wir fragen uns: Wie gehen die beiden damit um? Und weil wir das wissen wollen, lesen wir weiter. Voilà – es ist spannend!

Natürlich ist das alles noch ein wenig verzwickter, denn zur Erzeugung von Spannung ist es auch wichtig, die Handlung mit den Emotionen der Figuren zu koppeln. Wie man so etwas macht, erklären wir ausführlich in unseren Seminaren. Vielleicht möchten Sie hier aber schon einmal in diesem Klassiker nachlesen: The fire in Fiction von Donald Mass, 2009

Wer beim Planen oder Schreiben nicht weiterkommt, darf uns gerne kontaktieren – wir werden Ihre Probleme stellvertretend vorstellen und knackige Sofort-Hilfe-Tipps geben (wenn möglich mit Buchempfehlungen zum Vertiefen des Themas). Fragen bitte schicken an: schreib@münchner-schreibakademie.de

 

Wer braucht schon meine Geschichte?

Klaus M. aus Freiburg schreibt uns:
Liebe Münchner Schreibakademie, so gern ich auch schreiben würde, macht das denn überhaupt Sinn? Es gibt doch schon soooo viele und auch so gute Geschichten, wer braucht denn da noch eine von mir?

Vielen Dank für Ihre Frage, die wir uns auch selbst immer wieder stellen. Denn natürlich könnte man sagen, alle interessanten Geschichten haben Sophokles, Swift und Shakespeare schon längst erzählt, lassen Sie es gut sein.
Aber das wäre so, als dürfte man keine neuen Pizzarezepte erfinden, weil es schon alles gibt, inklusive Pestopommespizza, die ja nun wirklich etwas fragwürdig ist. Geben Sie sich selbst die Erlaubnis, das Romanpendant zu einer solchen Pizza zu schreiben – das könnte der Renner werden! Genau wie eine Pizza aus den immer gleichen Grundzutaten besteht, macht der Mix doch den Unterschied – und so ist es bei Geschichten auch.
Auch wenn das gerade ganz schön flapsig geklungen hat, meinen wir das durchaus ernst. Meist verbergen sich hinter einer solchen Frage Ängste, die einen daran hindern, kreativ zu werden. Man fürchtet, man wäre nicht gut, klug oder begabt genug. Fragen Sie nicht, ob die Welt Ihre Geschichte braucht, sondern ob Sie der Welt eine Geschichte erzählen wollen!
Manche Erzähltheoretiker gehen davon aus,  dass es – wenn man es ein wenig überspitzt formuliert – sowieso nur zwei Grundgeschichten gibt: „Ein Fremder kommt in die Stadt“ und „Jemand begibt sich auf eine Reise“ – und wenn man das weiterdenkt, ist der Reisende auch irgendwann der ankommende Fremde … in diesem Sinne: Was ist Ihre Variante der Geschichte? Wir sind gespannt darauf!

Falls Sie mehr darüber erfahren möchten, warum man sich gerne selbst ausbremst und wie man das verhindern kann, hier ein Buchtipp für Sie: Mastering Creative Anxiety von Eric Maisel, 2011

Wer beim Planen oder Schreiben nicht weiterkommt, darf uns gerne kontaktieren – wir werden Ihre Probleme stellvertretend vorstellen und knackige Sofort-Hilfe-Tipps geben (wenn möglich mit Buchempfehlungen zum Vertiefen des Themas). Fragen bitte schicken an: schreib@münchner-schreibakademie.de